Peter Romanenko

Geboren am 1. Februar 1936 in Kiew. Ich, meine Eltern und meine Schwester wohnten in einer großen Wohnung zusammen mit meinen Großeltern mütterlicher Seite (Familie Nürenberg), der Schwester meiner Mutter mit Ehemann, dem Bruder meiner Mutter mit Ehefrau und deren zwei Kindern. Meine Großmutter pflegte auch ihren Enkelsohn Rem, den Sohn ihrer 1934 repressierten Tochter. Rem hatte noch den älteren Bruder Kim, der vor dem Krieg am Kiewer Konservatorium studiert hatte. Unsere Familie war sehr groß: meine Großeltern hatten 17 Kinder. Als der Krieg ausbrach, wurde mein Vater sofort an die Front einberufen. Der Ehemann meiner Tante hat einen „Transport“ für uns organisiert , zwei nicht eingerittene Pferde mit Kutsche, da wir evakuiert werden mussten. Doch mein Opa hat gesagt: „Ich kämpfte gegen die Deutschen in 1914. Ein sehr intelligentes Volk! Ich bleibe hier, es wird nichts passiere“. Mittlerweile kursierten schon Gerüchte über die Vernichtung der Juden. Er hat auch seinen Sohn mit Ehefrau und zwei Kindern überredet zu bleiben und sie sind da geblieben. Aber meine Oma mit dem Enkelsohn Rem, ich, meine Mutter, mein anderer Onkel und die Tante sind geflohen und deswegen sind wir am Leben geblieben.

Mein Opa Efim, mein Onkel Avraam, seine Ehefrau Alla und deren zwei Kinder wurden am 29. September in Babij Jar ermordet.

Kim ist auch in Babij Jar gefallen. Alle seine Kommilitonen am Konservatorium gingen Kiew zu verteidigen, ging er auch mit. Seine Kampfeinheit wurde zerschlagen, aber Kim hat wie durch ein Wunder überlebt. Er kehrte nach Hause zurück, aber dort warteten schon Polizisten auf ihn. Sie verhafteten ihn, sagten „Komsomolez“ zu ihm und sandten ihn zum Babij Jar.

Dort liegt auch der andere Bruder meiner Mutter. Er war einer der führenden Ingenieure der Kiewer Automatischen Telefonzentrale und bereitete die Khreshchatyk Straße zur Sprengung vor.

Insgesamt liegen dort sieben Mitglieder meiner Familie. Das kann ich nicht vergessen.

Wir blieben am Evakuierungsort Ufa bis November 1943. Am 6. November wurde Kiew befreit. Mein Vater nahm an der Befreiung von Kiew teil und als sich die Gelegenheit bot, sandte er uns durch Militärleute eine Einladung. Schon am 19. November kehrten wir nach Kiew in unsere alte Wohnung zurück. Kiew war menschenleer, überall waren Ruinen zu sehen, es war sehr still. Doch die Grundversorgung funktionierte irgendwie, man konnte z. B. mit Brotmarken Brot erwerben.

Die Militärleitung von Kiew hat die Massengräber in Babij Jar geöffnet, damit alle sehen konnten, was dort tatsächlich geschehen war. Meine Mutter hat gesagt „Dort liegen unsere Lieben, wir müssen sofort hinfahren!“ Meine Mitter, meine Schwester und ich fuhren zum Babij Jar.

Es war ein gruseliger Anblick, ich hatte Angst und versteckte mich hinter meiner Mutter. Ich erinnere mich nicht, wie meine Schwester darauf reagierte, aber ich musste mich verstecken, weil es unheimlich schrecklich war. Unendliche Reihen von nackten, verstümmelten Menschenkörper…

Meine Mutter hat nach unseren Verwandten gesucht, aber es ist ihr nicht gelungen.

Ungefähr sechs Monaten später wurden die Gräber in Babij Jar zugeschüttet und ein Kriegsgefangenenlager für deutsche Soldaten auf dieser Stelle errichtet.

Im Buch der Erinnerung, das in Kiew 1991 veröffentlicht wurde, auf der Seite 54, stehen fünf Namen von den sieben meinen Verwandten die in Babij Yar getötet wurden. Das ist mein Onkel Nürenberg Abram, seine Frau Alla Nürenberg, ihre Tochter Ira, mein Großvater Nürenberg Efim Abramovich und sein Bruder Chaim Nürenberg.