Das Gute wird gewinnen

„Erinnerung lernen“ und SABRA der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf gestalten „Projekttag Antisemitismus“ am Mataré Gymnasium in Meerbusch.

Meerbusch / Kreis Neuss

In den letzten Schultagen vor Zeugnisvergabe und großen Ferien gab es für die Meerbuscher Europaschule mit ca. 1000 Schülerinnen und Schülern einen nicht ganz alltäglichen Besuch.

Gleich zwei Einrichtungen der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, die Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit – Beratung bei Rassismus und Antisemitismus, kurz  SABRA und „Erinnerung lernen“, sowie der Ghetto Überlebende Herbert Rubinstein, gestalteten gemeinsam mit Lehrkräften eine Ausstellung und einen Projekttag gegen Antisemitismus und für die Erinnerung an die Shoa.

Diese Thematik, die in der letzten Zeit verstärkt auch im Erleben von Jugendlichen wieder eine Rolle spielt, wurde aus den nicht einfach greifbaren Medien, zumindest für eine Woche, in den Schulalltag geholt.

Schulleiter Christian Gutjahr-Dölls, betonte bei seiner Begrüßung in eindringlichen Worten, wie wichtig es der Schule gerade in diesen Zeiten ist, gemeinsam mit einem Partner wie der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf gegen das Vergessen und für konkrete Handhabungen bei Rassismus und Antisemitismus zu arbeiten.

Erinnerung lernen

„Wir wollen praktisch etwas mit der Jugend tun, nicht warten bis es wieder zu spät ist“, so Herbert Rubinstein, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Er überlebte 1941 gemeinsam mit seiner Mutter die Shoa in der heutigen Ukraine. In den 50er Jahren waren er und sein Freund Paul Spiegel (sel.A.), der ehemaligen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland selbst noch Besucher im jüdischen Jugendzentrum. Seit dieser Zeit fühlt sich Herbert Rubinstein auch dem Dialog, damals zunächst mit katholischen jungen Erwachsenen verbunden.

 

Ukraine

„Seit nunmehr drei Jahren reist unsere Erinnerungswerkstatt durch ukrainische Schulen, Universitäten und Bibliotheken, erstellt und übersetzt Materialien, entwickelt Formate für die Zeit, wenn die Zeitzeugen ihre Schicksale nicht mehr persönlich an die Jugend weitergeben können“, so Olga Rosow, Leiterin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Präsentiert werden u.a. die Geschichten von zwölf Zeitzeugen, ein Schulbuch im Stile einer Graphik Novel, das die Biographien von fünf jüdischen Kindern im Holocaust erzählt, ein elektronisches Memory zur Erklärung jüdischer Symbole, ein Audio Spaziergang durch den Gedenkpark von Babyn Yar in Kyjiw, und ein Dokumentarfilm über das Leben und die gestohlene Kindheit eben jenes Herbert Rubinstein

Zuletzt wurde der Comic „Das Leben von Anne Frank“ ins Ukrainische übertragen und wird ab September in ukrainischen Schulen verteilt. Werkausstellungen fanden zuletzt in Charkiw, Krefeld, Lemberg, Tscherkasy, Gelsenkirchen, Krementschuk, Düsseldorf und Chernivsti statt,
Letztere in Anwesenheit des Oberbürgermeisters von Düsseldorf, Thomas Geisel, der dazu Ende April mit einer Delegation der JGD in das heutige  „Czernowitz“ gereist ist, wo viele der Mitglieder ihre Wurzeln haben.

TRANSNATIONALES PROJEKT

„Erinnerung lernen“ ist ein transnationales Projekt auf Augenhöhe.
Alle lokalen Aktivitäten dort haben einen Bezug zu Menschen aus der Düsseldorfer Gemeinde bzw. aus dem Landesverband Nordrhein, die meisten sind mit dem Thema „Shoa durch Erschießen verbunden, wofür das Menschheitsverbrechen Babyn Yar“ nur stellvertretend steht“, sagt der Historiker und Projektkoordinator Matthias Richter.

„Alles hat in der Seniorenabteilung der Gemeinde als kleines Zeitzeugeninterview angefangen“, ergänzt Rosow, die selber aus Kyjiw stammt. „Dass nun die Ergebnisse aus der Ukraine, hier in Deutschland eingesetzt werden, war so nicht geplant, macht uns aber auch ein wenig stolz und zeigt wie nötig zeitgemäße Konzepte für dieses Arbeitsfeld sind.“

Das Projekt wird vom Auswärtigen Amt im Rahmen des „Ausbaus der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft in den Ländern der Östlichen Partnerschaft und Russland“ gefördert.

Partner des Projektes sind u.a. das Zentrum Judaikum Kyjiw, das Museum für die Geschichte und Kultur der Juden der Bukowina, sowie das Anne Frank Huis Amsterdam und SABRA Düsseldorf.

SABRA

 Die Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus SABRA wurde vor etwas über einem Jahr in Trägerschaft der JüdischenGemeindeDüseldorf gegründet und ist neben RIAS in Berlin die zweite Einrichtung dieser Art  bundesweit, unweit des Düsseldorfer Gemeindezentrums.

Das Wortspiel mit dem hebräischen Begriff für Kaktus ist gewollt. Kleine Kakteen zieren auch Logo und das Büro.
SABRA 
bietet neben Einzelfall- und Organisationsberatungen sowie Netzwerk- und Gremienarbeit auch Präventionsprogramme gegen Antisemitismus, vor allem an Schulen.

„Mit Workshops für Schülerinnen und Schüler ab der dritten Klasse wollen wir für den alltäglichen Antisemitismus sensibilisieren«, so die Theaterpädagogin Sophie Brüss, von SABRA.

„Auch hier mit der Stufe 10 war es ein Ziel, die Auswirkungen von Antisemitismus auf Jüdinnen und Juden aufzuzeigenund aktuelle Fällen an Schulen zu diskutieren.“

„Für mich war es ein gelungener, lebendiger Workshop, bei dem die Schülerinnen und Schüler keine Scheu zeigten, auch unangenehme Fragen , nicht nur über Antisemitismus, sondern auch über die Unterschiede zum Rassismus und zur Vielfalt von jüdischen Identitätenzu stellen und ihre eigenen Bilder im Kopf zu reflektieren,  so Brüss.


Projekttag

Für ungefähr 100 Schülerinnen und Schüler der Stufe 10 wurde ein Welt Café veranstaltet bei dem Reihum die Themengruppen Antisemitismus im Alltag, Medienkompetenz „Stereotype im Netz“, ein Dokumentarfilm mit anschließendem Zeitzeugengespräch und der Besuch der Ausstellung organisiert.

„Wir verzeihen Generation der Täter nicht, aber die junge Generation ist nicht schuldig, sie soll aber aufpassen, dass sie nicht schuldig wird,“ ist einer der Aussagen die Herbert Rubinstein in dem Filmes „Ich war hier“ der ukrainische Filmemacherin Ksenyia Marchenko gegenüber Schülern in Czernowitz gemacht hat.

Im Rahmen des Projekttages am 10.07.2019 mit den 10. Klassen, an dem die etwa 107 Schülerinnen und Schüler in 4 Gruppen aufgeteilt wurden, gab es je Gruppe ein etwa halbstündiges Zeitzeugengespräch mit Herbert Rubinstein. Obwohl die Schulleitung eine gute Vorarbeit geleistet hatte, die Schülerinnen und Schüler 2 entsprechende Filme vorher gesehen hatten, fing das jeweilige Gruppengespräch etwas zäh an, vor allem nach der Mittagspause. Da saß nun Herbert Rubinstein der Gruppe im Klassenraum live gegenüber, ein für sie bis heute unbekannter älterer Mensch, von dem sie vorhin so einiges aus seinem Leben gesehen und gehört hatten. Also musste zunächst ein Vertrauen entstehen, Fragen stellen zu dürfen und auch, welche Fragen. In jeder Gruppe waren es etwa 4-5 Jugendliche, überwiegend weiblich, die sich dann doch trauten. Interessant waren die Fragen wie es uns gelang, zu überleben, d.h. mehr Einzelheiten zu Ghetto, Fluchtwege, Zustände in Czernowitz, wie und ob uns von nichtjüdischen Menschen geholfen wurde und wie ich das, als Kind, aufgenommen und verarbeitet hatte. Ich stellte fest, dass die Jugendlichen sich Vieles, was Krieg und Furchtbares bedeutet, sich nicht vorstellen können. Vielleicht, weil der überwiegende Teil hier geboren wurde, sich nicht mit Nachrichten intensiv befasst und in einer überwiegend heilen Welt lebt, die Schule, Sicherheit, ein „normales“ zu Hause und 2019 im Rheinland bedeutet. Ja, Antisemitismus, 2. Weltkrieg, Geschichte, Nationalsozialismus, alles nicht unbekannt und doch unbekannt. Also hatte ich den Eindruck, entweder Verdrängung oder klar, die Filme gesehen, aber „eine andere Zeit und Welt“. Auf meine Frage, sie seien doch 16 Jahre und wahlberechtigt, also mit verantwortlich, was politisch vor sich geht, gab es kaum Resonanz.



„Ich fand den Zeitzeugen beeindruckend“, so ein Schüler hinterher, „besonders das er so offen mit uns gesprochen hat, obwohl wir uns ja zum ersten Mal gesehen haben. 

„Das Gute wird gewinnen, so Rubinsteins Fazit im Film, ein tröstlicher Ansatz für viele Schüler, die vom Erlebten und Erlernten dieses Tages und von den traumatischen Erlebnissen der Shoa Überlebenden sichtlich bewegt waren und das auch gegenüber der Redaktion zum Ausdruck brachten.

ARBEIT mit PERSPEKTIVE

Bereits im letzten Januar hatte ein Geschichts-Leistungskurs des Mataré Gymnasiums die Ausstellung besucht und einen Workshop mit SABRA absolviert.

Nun, nach dem erfolgreichen Gastspiel in der Europaschule, haben  laut Aussagen beider Partner: Gymnasium und die Sozialabteilung der Düsseldorfer Gemeinde eine längerfristige Zusammenarbeit vereinbart.
„Gerade angesichts der aktuellen Erstarkung von antisemitischen Strömungen in Deutschland wollen wir hier an unserer Schule ein deutliches Zeichen setzen und das jetzt jährlich durchführen“, sagen die beiden Geschichtslehrer Frank Bachmann und Oliver Tauke einhellig.

Auch die neue Antisemitismusbeauftragte des Landes NRW wird es sicher freuen denn solch vorbildliche zivilgesellschaftliche  Eigeninitiativen wachsen sicher nicht auf Bäumen.

Stefan Laurin

www.sabra-jgd.de / www.erinnerung-lernen.de

 

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