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Josef Bursuk

Josef Bursuk wurde am 29. Juli 1931 in Czernowitz in der Familie von Frima und Abram Bursuk geboren. Die Eltern von Josef Bursuk kamen aus einer kleinen bessarabischen Stadt Ataki, die nach dem Jahr 1918 wie Czernowitz, zum Teil von Rumänien wurde. Nach seiner Heirat am 1. Juni 1928 zog das junge Paar in der großen Stadt am Prut. Hier wurde bei ihnen mit einem kleinen Intervall drei Söhne geboren, darunter Josef mittlerer Sohn war. Trotz der Tatsache, dass Vater von Josef ein tief religiöser Mensch war und regelmäßig die Synagoge besuchte, begann Josef seine Schulausbildung im Jahr 1938 nicht in der „Chederschule“ – traditionelle jüdische Grundschule, sondern in der vierjährigen deutschsprachigen Privatschule von Meisler (Meislerschule). Parallel dazu gab der Privatlehrer den Kindern von der Familie Bursuk Hebräischunterricht. Im Herbst 1940 aufgrund der Änderung der territorialen Zugehörigkeit von Czernowitz, die durch der sowjetischen Annexion der nördlichen Bukowina verursacht wurde, wurde Josef gezwungen, sein Studium an einer anderen Institution fortzusetzen – in der durch sowjetischen Regierung geöffneten staatlichen jüdischen Schule, wo Jiddisch die Unterrichtssprache war. In dieser Schule schaffte es Josef Bursuk, die dritte Klasse zu beenden.
Nachdem die Rote Armee Ende Juni 1941 nach einem kurzen Zusammenstoß mit den rumänischen Truppen Czernowitz verlassen hatte, erfährt die Familie Bursuk gemeinsam mit anderen Stadtbewohnern einen weiteren Machtwechsel. Die wiederholte Ankunft der Rumänen war jedoch nicht so friedlich, wie der erste im Jahr 1918 war. Am 5. Juli 1941 haben die rumänischen Soldaten, die in der Begleitung von deutschen SS-Sondereinheiten in die Stadt einreisten, einen Pogrom im sogenannten jüdischen Viertel gemacht, in dem ungefähr 2 Tausend Menschen getötet wurden. In den folgenden Tagen wurde die Choral-Synagoge (der jüdische Tempel) niedergebrannt und die Massenerschießungen der im Rahmen einer speziellen Kampagne ausgewählten jüdischen Einwohner in der Nähe des Flusses Prut durchgeführt. Fortan konnte sich keiner der Juden der Stadt in seiner Zukunft sicher sein. Die Familie Bursuk wusste auch nicht, was von der rumänischen Macht erwartet werden konnte. Am 24. August 1941 erfuhr jeder aus der Veröffentlichung in der Lokalzeitung „Bukowina“ von den Plänen, in Czernowitz ein Ghetto zu errichten.
Das Territorium des Ghettos wurde von den Rumänen so geplant, dass seine Grenze nicht weit entfernt von der T. Schewtschenko-Straße (rumänisch – Strada Şevcenco; nach dem Krieg – Gonta-Straße) durchlief, in der die Familie Bursuk wohnte. Als am 11. Oktober 1941 alle Juden der Stadt wurden befohlen, in das Ghetto zu übersiedeln, sollte die Familie Bursuk nicht weit gehen. Sie hat nur ihre wichtigsten Dinge in die benachbarte Straße gebracht. Sie erwarteten jedoch auch, dass sie „evakuiert“ würden, aber tatsächlich – wurden sie unter unmenschlichen Bedingungen ins transnistrische Ghetto deportiert. Nur diejenigen, die von den rumänischen Behörden eine Sondergenehmigung erhalten haben, wegen der „Notwendigkeit“ des Berufs in der Stadt zu bleiben, könnten sie vermeiden. Der Vater von Josef Bursuk arbeitete vor dem Krieg als Buchhalter im Warenlager. Daher gab es fast keine Aussicht die Traumdokumente zu erhalten. Der einzige Ausweg war, sich zu verstecken.
Eine solche Chance ereignete sich unerwartet auf dem Weg zum Sammelplatz am Bahnhof, wo die Güterwagen schon auf Juden warteten. Als der Vater von Josefs sah, dass es in einer der Gassen keine rumänischen Wachen gab, befahl er dem Fuhrmann, der angeheuert wurde, um die Familien mit ihren Sachen herüberzuführen, dorthin zurückzukehren. Von jenem Tag an versteckte sich die Familie Bursuk mehrere Monate lang. Erst nach der Liquidierung des Ghettos wagen sie es, in ihre Wohnung zurückzukehren, die ausgeraubt wurde. Zum zweiten Mal musste die Familie Bursuk im Juni 1942 verstecken, als die zweite Deportationswelle begann. Die rumänischen Bekannten des Vaters kamen zu Hilfe, die rechtzeitig vor der Aktion warnten. Ein anderer Bekannte erklärte sich einverstanden, die Familie mit den Kindern in seinem Büro fast vor dem Polizeigebäude zu verstecken. Erst im August 1942 erhielt die Familie eine „Genehmigung“ – Dokumente für das Bleiberecht in der Stadt. Sie lebte mit diesen Dokumenten in Czernowitz bis zur Rückkehr der Roten Armee Ende März 1944.
Am 1. September 1944 setzte sich Josef wieder auf die Schulbank. Schon 1946 wurde jedoch die jüdische Schule geschlossen. Deshalb lernte der Junge in einer russischsprachigen Abendschule nach, die er im Jahr 1949 abschloss. Im Gegensatz zu den Ratschlägen von Schullehrern, die dem jungen Menschen das Studium an der Fakultät für Physik und Mathematik empfahlen, reichte Josef seine Dokumente ins medizinische Institut ein. Erst von dem zweiten Versuch ist es ihm gelungen, im Institut immatrikuliert werden, da am ersten Mal, wie er selbst argumentierte, spielte seine Nationalität nicht mit. Im Jahr 1953 lernte Josef als Student des dritten Studienganges von Stalins Tod und der „Ärzteverschwörung“.
Nach dem Abschluss des medizinischen Instituts erhält Josef Bursuk eine Arbeitszuweisung nach Donbas. Dort wählte er schließlich eine Spezialisierung in der medizinischen Praxis – Traumatologie. Dort heiratete er Tamara Testlin, mit der sie zwei Söhne zur Welt gebracht und erzogen haben.
Im Jahr 1960 wurde Josef Bursuk mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Czernowitz zurückgekehrt. Die traumatologische Abteilung des Czernowitzer Regionalkrankenhauses wurde vierzig Jahre lang sein Arbeitsort. Hier ging er seinen Weg von einem einfachen Arzt zum Oberarzt. Im Jahr 2000 trat er in den Ruhestand. Seitdem widmete er sich seiner Frau und der gesellschaftlichen Arbeit. Insbesondere während der vielen Jahren war Josef Bursuk der Leiter vom Czernowitzer Zentrum der ukrainischen Vereinigung von ehemaligen Häftlingen des Ghettos und der Konzentrationslager, leitete das medizinische Programm des Czernowitzer regionalen jüdische Wohltätigkeitsstiftung „Hesed-Shushana“ an, überwachte die Räumungsarbeit am lokalen jüdischen Friedhof, nahm an der Gründung von Czernowitzer Museum für Geschichte und Kultur der Jüden von Bukowina teil. Er gab auch bereitwillig die Interviews, erzählte den gegenwärtigen Bewohnern und Gästen der Stadt von seiner Stadt Czernowitz. Und er tat das, wie es jedem wahren Czernowitzer gehörte, in mindestens vier Sprachen.