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Herbert Rubinstein

(Geburtsjahr 1936.)

Herbert Rubinstein wurde am 26. Februar 1936 in Czernowitz in einer jüdischen Familie von Max und Bertha Rubinstein geboren. Er war das einzige Kind seiner Eltern, die vom allerersten Augenblick an das Kind mit Sorgfalt und Liebe umgeben haben. Seine Großmütter und seine Großväter liebten den kleinen Herbert. Vor allem die Eltern mütterlicherseits – Leiba und Hanna Wolf, die im gleichen Haus wie der Enkel in der neu gebauten Nicolae Filipescu-Straße (rumänisch – Starda N.Filipescu, jetzt – Straße des Maifeiertages) in der Nähe von Volksgarten lebten. Herberts Vater war Anwalt. Und Großvater Leiba leitete eine der lokalen Brauereien. Deshalb führte Herberts Familie ein bequemes Leben, hatte viele Freunde in der Stadt, verbrachte die Zeit mit dem Kind im Freien, insbesondre am Stadtstrand des Flusses Pruth.
Herberts glückliche Kindheit dauerte nicht lange. Im Sommer 1940 wurde die Nordbukowina zusammen mit Czernowitz zum Bestandteil der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, als Folge der geopolitischen Perturbationen in Osteuropa. Die Familie Rubinstein wurden Bürger des neuen Landes. Herberts Vater konnte seine private Rechtsanwaltspraxis nicht mehr fortsetzen. Und die Brauerei des Großvaters wurde verstaatlicht. Obwohl viele bekannte Persönlichkeiten das Haus der Familie Rubinstein in der Zeit von Rumänien besuchten, hatte die Familie keine Beziehungen, die die Familie in den Augen der Sowjetmacht kompromittieren würden. Daher schien es ihnen, dass es nichts zu befürchten wäre. Doch im „Sowjetjahr“ verlor der kleine Herbert seinen Vater für immer. Es geschah im Sommer 1941, als in Erwartung des baldigen Krieges die sowjetische Regierung die Mobilisierung durchfuehrte. Hunderte von Czernowitzern, darunter Max Rubinstein, wurden gewaltsam in die Reihen der Roten Armee g gepresst.. Herbert war noch ein kleines Kind, aber die Abschiedsszene mit seinem Vater gekleidet in einer sowjetischen Uniform erinnert er bis heute.
Die Familie hatte keine Zeit, sich von der Trennung mit ihrem Vater zu erholen, als ein weiteres Unglück kam. Bereits am Anfang Juli jenes Jahres kehrten die Rumänen in die Stadt zurück. Es war keine Spur von ihrer früheren freundlichen Haltung gegenüber den Juden. Im Gegenteil, bei allen ihren Aktionen zeigten sie ihre Vorherrschaft und ihren Hass auf das lokale Judentum. Am 5. Juli verbreiteten sich Gerüchte über das Pogrom, das rumänische Soldaten im jüdischen Viertel begangen hatten mit Hunderten von Opfern. Am nächsten Tag erfuhr die Familie Rubinstein vom Brandanschlag auf den jüdischen Tempel und der Verhaftung des Rabbiners und Kantors. Am 7. und 8. Juli fanden Massenerschießungen der Hunderten von Juden auf dem Territorium des ehemaligen Sandsteinbruchs in der Nähe des Flusses Pruth. Glücklicherweise wurde zu dieser Zeit niemand aus der Familie Rubinstein verletzt. Aber im Haus war noch mehr Verzweiflung und Angst um die Zukunft.
Der damals fünfjährige Herbert, erinnert sich nicht daran, wie die Familien Rubinstein und Wolf die nächsten paar Monate gelebt hatten. Aber er erinnert sich daran, wie er mit den Nachbarskindern auf der Straße „Räuber und Gendarm“ gespielt hat. Damals hörte er zum ersten Mal Beschimpfungen die Juden. 1941 kam der Umzug in das Ghetto. Ein scharfer Kotgeruch steckt bis heute in seiner Erinnerung an einen Raum, der voller verzweifelter Menschen war. Danach gab es verzweifelte Versuche zu überleben. Dann bedeutete, dass sie auf keiner Weise in die Züge nach Transnistrien geraten sollten, die fast täglich von Czernowitz abgingen. Nur Dokumente könnten ihnen retten, die vom rumänischen Amt des rumänischen Landeshauptmann von Bukowina und Primarija (Stadtrat) den Juden von den „notwendigen“ Berufen ausgegeben wurden. Sie haben es jedoch nicht geschafft, diese Dokumente zu bekommen. Aber wie durch ein Wunder hatten sie das Glück, die gefälschten polnischen Dokumente zu bekommen. Sie retteten das Leben von den Mitgliedern der Familie. An einem Eisenbahnstation auf halben Weg nach Transnistrien wurden sie als die Bürger eines anderen Staates, von den übrigen Czernowitzer Juden getrennt. Der Zug ging nach der nächsten Revision der Listen weiter ab.
Mit den polnischen Dokumenten ging Herbert mit seiner Mutter und ein Teil von der Familie nach „Regat“ – der alte Teil von Rumänien, wo sie sich bei den Bekannten und Fremden in den verschiedenen Städten, einschließlich Bukarest bis 1944 durchbrachen. Erst nach Czernowitz von der Roten Armee zurückgewonnen wurde, kehrten die Mutter und der Sohn in ihre Heimatstadt zurück. Hier erfuhren sie über den Tod der Herberts geliebter Großmutter Anna Wolf. Hier erhielten sie die erschütternde Nachricht über den Tod von Herberts Vater. Es war im Juli 1945.
Damals wurde bereits Herberts Mutter Bertha aktiv an der Sozialarbeit der jüdischen Gemeinde beteiligt, die verzweifelt versuchte, seine Tätigkeit unter den Bedingungen der sowjetischen Realität wiederherzustellen. Im Frühling 1945 traf sie im Rahmen von dieser Arbeit den zukünftigen zweiten Vater von Herbert – einen Juden aus Düsseldorf, der während des Krieges nach Amsterdam geflohen war, wurde aber aufgenommen und ins Konzentrationslager nach Polen geschickt. In dieser Zeit war es dem Schicksals wünschenswert, einen weiteren Test für Herbert vorzubereiten. Seine Mutter landete im sowjetischen Gefängnis unter dem Vorwurf der widerrechtlichen Ausstellung von Lebensmittelkarten. Nur die Beziehungen mit den richtigen Menschen und durch Bestechung wurde Berta vor der Trennung mit ihrem Sohn gerettet.
Herbert erinnert sich nur an die illegale Überschreitung der sowjetischen Grenze, an eine lange Reise zuerst nach Polen, und dann in die Hauptstadt der Tschechoslowakei. Er erinnert sich am besten an einen Flug von Prag nach Amsterdam, wohin der Berthas zufälliger Bekannter der ehemalige Auschwitz Häftling Max Rubin es geschafft hatte, alles fuer ihrer Ankunft vorzubereiten. Herbert war damals 10 Jahre alt. Hier in Holland erhielt er nicht nur seinen zweiten Vater, sondern auch die Möglichkeit, nach der Kindheit durch den Verlust von Verwandten und Angehörigen, sowie durch Völkermord, seine Jugend zu genießen. In Amsterdam erlebten Herbert mit seiner Mutter und seinem Stiefvater 10 schwierige, aber glückliche Jahre und sie zogen im Jahr 1956 nach Düsseldorf.
Düsseldorf wurde in jeder Hinsicht die zweite Heimat für Herbert Rubinstein. Er fand hier viele neue Freunde, auch in der deutsch-katholischen Gemeinde. Hier gruendete er eine Firma fuer Damengürtel. Hier, in der Stadt am Rhein, fand er unerwartet einen fehlenden Mikrokosmos von Vorkriegs-Czernowitzern in Form einer ziemlich großen Czernowitzer jüdischen Diaspora. Darunter waren solche Persönlichkeiten wie Alfred Kittner und Rose Ausländer. Es war die Czernowitzer Diaspora aus der eine neue, vollwertige jüdische Gemeinde entstand. Der ehemalige Czernowitzer Herbert Rubinstein wurde sehr schnell zu einem der aktivsten Mitglieder dieser Gemeinde und ist es bis heute. Im September 2017 besuchte er zum ersten Mal nach seiner 71-jährigen Abwesenheit seine Heimatstadt am Pruth wieder.